Fehlende Identitätsbindung
als Deutsche
Wahlschlappe für die Sejm-Kandidaten der deutschen Volksgruppe in Schlesien
Die
deutsche Volksgruppe in der Republik Polen hat bei den landesweiten Sejm-Wahlen
am 9. Oktober nur geringen Zuspruch für ihre Kandidaten erhalten. Noch bei der
Regionalwahl im November 2010 erzielte das „Wahlkomitee Deutsche Minderheit“ in
der Woiwodschaft Oppeln 18 Prozent der Stimmen. Am vorvergangenen Sonntag waren
es bei der Wahl zum Sejm im selben Stimmbezirk nur acht Prozent.
Der Vorsitzende der mit der Situation im
Siedlungsgebiet der deutschen Volksgruppe bestens vertrauten AGMO e.V. in Bonn,
Tobias Körfer, äußerte die Auffassung, dass die Gründe, die zu der erheblichen
Differenz von zehn Prozentpunkten geführt haben, vielschichtig seien. Das
deutliche Verfehlen des Zieles, mindestens drei deutsche Abgeordnete in die
zweite Kammer des polnischen Parlaments zu entsenden, habe jedoch weitaus
tieferliegende Ursachen als bloß die, dass das „Wahlkomitee Deutsche Minderheit“
von den Bürgern in erster Linie als regionalpolitische Kraft wahrgenommen würde
und dessen Wahlkampf die Wähler nicht ausreichend angesprochen habe.
Der vergleichsweise geringe Stimmenanteil sowie
die Abwanderung von Stammwählern zu polnischen Parteien könnten nach Auffassung
der AGMO zu einem guten Teil auch auf einen nunmehr offen zutage tretenden
Mangel an Sprach- und Identitätsbindung innerhalb der deutschen Volksgruppe in
Polen zurückgeführt werden. Der Präsident des Verbandes der deutschen
sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), Bernard Gaida, hat diese
Fehlentwicklungen, die nicht nur das deutsche Minderheitenschulwesen in der
Republik Polen betreffen, in einem „Erfolg durch Fingerspitzengefühl“ betitelten
Interview mit dem Oppelner „Wochenblatt“ wenige Tage vor der Wahl offen
angesprochen. Er selber stünde für die Einrichtung „echter deutscher Schulen mit
Deutsch als Unterrichtssprache“.
In den seit 1990 möglichen, jedoch bisher nicht
eingerichteten durchgehend deutschsprachigen Kindergärten sowie Grund- und
weiterführenden Schulen hätten in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten
diejenigen jungen Deutschen heranwachsen und ausgebildet werden können, deren
Stimmen bei der Wahl nunmehr gefehlt haben. Der demografische Faktor – die
Überalterung, die katastrophal niedrige Geburtenrate, die Abwanderung in die
Bundesrepublik Deutschland oder andere Länder – wirkt sich auch bei den
Deutschen östlich von Oder und Neiße aus. So hatten bei den Sejm-Wahlen 2001 in
der Woiwodschaft Oppeln noch 42340 Wähler die Liste des „Wahlkomitees Deutsche
Minderheit“ angekreuzt. Nun, zehn Jahre später, waren es hingegen nur noch 28014
Wähler. In der vergangenen Dekade hat die deutsche Volksgruppe bei den
Sejm-Wahlen somit über 14000 Stimmen allein im Bezirk Oppeln verloren; von den
anderen Landesteilen zu schweigen. Die Tendenz ist signifikant, deren Ursachen
leicht erkennbar.
Es passt ins Bild, dass durch das „Wahlkomitee
Deutsche Minderheit“ ausschließlich polnischsprachige Wahlkampfmaterialien
herausgegeben und Interviews größtenteils auf Polnisch geführt wurden. Sogar im
„Wochenblatt“, der „Zeitung der Deutschen in Polen“, warb der Sejmabgeordnete
Richard Galla mit einer auf Polnisch abgefassten Anzeige. Die dadurch sichtbar
werdende fehlende Identitätsbindung, die man für einen erfolgreichen Wahlkampf
jedoch braucht, erklärt teilweise den Stimmenverlust. Es ist daher zu verstehen,
so Körfer von der AGMO, dass unter derartigen Umständen den Wählern – den
polnischen, denen sich das „Wahlkomitee“ vermehrt öffnen wollte, wie auch den
deutschen – nicht nahegebracht werden konnte, wie dringend notwendig eine starke
Vertretung der deutschen Volksgruppe im Warschauer Sejm ist.
Die Art der derzeit praktizierten
Zweisprachigkeit – Polnisch zu reden und ins Deutsche zu übersetzen – muss für
das kulturelle, gesellschaftliche und dementsprechend politische Überleben der
deutschen Volksgruppe als eine Sackgasse erscheinen. Der VdG und die Verbände in
den Strukturen der deutschen Volksgruppe wären gut beraten, die Niederlage bei
den Wahlen als Wecksignal zu begreifen und mit umso stärkerem Nachdruck nun auf
die flächendeckende Einrichtung „echter“ deutscher Kindergärten und Grundschulen
mit Deutsch als Unterrichtssprache zu drängen. T.K./C.R.