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Teil 3

 


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Befreiung oder Niederlage oder was?
Der Dialog zum 8. Mai
von Gerd Schultze-Rhonhof, Generalmajor a. D.

3. Folge

30 Abgeordnete des Deutschen Bundestages haben in einem Antrag an das Hohe Haus angeregt, der jüngeren Generation das Bewusstsein über die Ursachen, die Geschichte und die Folgen des Krieges zu schärfen. Der 60. Jahrestag des Kriegsendes  - so fahren die Abgeordneten in ihrem Antrag fort - böte eine der letzten Chancen, dieses Kapitel unserer Geschichte noch durch einen breiten Dialog mit Zeitzeugen zu thematisieren.

Der verpasste Dialog

Das klingt gut, doch die vielen Chancen dazu sind verstrichen. Wer als junger Wehrpflichtiger 1939 in den Krieg hat ziehen müssen, ist heute 84. Wer damals 30 Jahre alt gewesen ist, und noch Fundiertes sagen könnte, ist jetzt 95, und viele dieser Altersgruppe sind nicht mehr am Leben. Wer sehr alt ist, kann kaum noch diskutieren, und seine Erinnerungen an die Vorkriegszeit verblassen. Wer schon gestorben ist, schweigt ohnehin. Mit wem soll dieser breite Dialog denn dann noch stattfinden? Auf mich wirkt das so, als ob hier ein Schein von „Dialog“ gezaubert werden soll, bei dem sich die heute Lebenden mit den Toten unterhalten wollten.

Da sich die wenigen Überlebenden heute kaum noch einem Dialoge stellen können, sei es mir gestattet, als Ersatz für ihre Sicht von damals die Zeitumstände von 1939 und die von 1945 anzubieten. Diese Fakten haben sowohl bei Kriegsbeginn als auch bis zu dessen Ende das Bewusstsein der damals Erlebenden und Handelnden geprägt. Die Fragen für den Dialog allein auf 1945 zu beziehen, hieße 1939 zu verschweigen. Die Gründe, die zum Kriege führten, wurden in der Niederlage zwar verdrängt, aber in der schlimmen Zeit bis 1945 haben sie für viele Menschen die Motive für den Krieg geliefert. So möchte ich in diesem 3. Teil der Serie die Zeitumstände vor 1939 und zu Kriegsbeginn darstellen und fragen, ob die Deutschen zu der Zeit schon eine erneute Niederlage gegen die Sieger von 1918 der Herrschaft Hitlers vorgezogen hätten; ob sie in der Niederlage eine Befreiung gesehen hätten. Dies ist das Thema dieser 3. Folge. In der 4. Folge dieser Serie will ich die gleiche Frage für den 8. Mai 1945 und die Zeit danach stellen.

Pastor Niemöllers Freiwilligenmeldung

Wie sehr sich die Perspektive der Deutschen von 1939 bis 2004 verschoben hat, mag das Beispiel des späteren  - nach dem Krieg in Deutschland sehr bekannten -  Kirchenpräsidenten von Hessen und Nassau Martin Niemöller zeigen. Niemöller  - 1936 noch evangelischer Gemeindepfarrer - warf dem Diktator Hitler Rechtsbrüche der Regierung und die Verfolgung der Kirchen vor. Er landete dafür 1938 im Konzentrationslager.  1939, als der Krieg begann, meldete sich Niemöller (erfolglos) aus dem KZ als U-Boot-Offizier zum Fronteinsatz. Was kann den Kirchenmann dazu bewogen haben? Hitler-Treue oder die Nähe zum Regime der Nationalsozialisten war es sicher nicht. Es war die allgemeine Sicht der Deutschen, die in den vergangenen 25 Jahren nichts als Feindlichkeit „vom Ausland“ erfahren hatte. Die Deutschen in ihrer Mehrheit lasteten den neuen Krieg nur 20 Jahre nach dem „Ersten“ zuerst den Gegnerstaaten aus dem Ersten Weltkrieg an und erst in zweiter Hinsicht Hitlers zu riskanter Außenpolitik. Auch wenn wohl jedermann in Deutschland seit der Tschechei-Bestzung im März 1939 wusste, wie gefährlich Hitlers Außenpolitik geworden war, so waren andere Gründe aus der Sicht von damals deutlicher und wichtiger.

Wilsons „Lockangebot“

Das deutsche Drama nach dem Ersten Weltkrieg begann damit, dass US-Prädident Wilson der deutschen Seite noch im Kriege einen Friedensschluß anbot, den die Sieger später ignorierten. Wilsons erstes Friedensangebot  – die sogenannten 14 Punkte -  endeten mit den Sätzen: „Wir sind nicht eifersüchtig auf die deutsche Größe und es ist nichts in diesem Angebot, das sie verringert. ... Wir wünschen nicht, Deutschland zu verletzen oder in irgendeiner Weise seinen berechtigten Einfluß oder seine Macht zu hemmen. ... Wir wünschen nur, dass Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern einnimmt, statt eines Platzes der Vorherrschaft." (1) Dem US-Angebot folgten je fünf Noten von amerikanischer und von deutscher Seite, in denen man sich gegenseitig versicherte, dass man sich an die 14 Punkte halten wollte. Die einzige Abtrennung deutsch besiedelten Gebietes, die schon dort vereinbart war, war die Abtretung Elsass-Lothringens an Frankreich. Mit der Zusicherung „Wir wünschen nur, dass Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern einnimmt.“ legte Deutschland seine Waffen nieder und begann, die Truppen aufzulösen.

Was dann folgte, zerstörte jede Basis für ein Vertrauen, das die Deutschen gegenüber den Briten, Amerikanern und Franzosen später hätten fassen können. Die Siegerstaaten hielten sich nicht an Wilsons 14 Punkte. Sie lehnten ab, die neue Nachkriegsordnung und die Konditionen für den Frieden mit den Deutschen zu verhandeln. Und als die Abgeordneten der neuen deutschen Republik die unmäßigen Forderungen der Sieger nicht akzeptieren wollten, drohte England seine Seeblockade aus dem Kriege fortzusetzen, der bis dahin schon etwa 800.000 Hungertote in Deutschland zum Opfer gefallen waren. Frankreich drohte, als die Auflösung der deutschen Divisionen schon in vollem Gange war, Deutschland anzugreifen. Da wurde der Vertrag von Versailles von deutscher Seite unterschrieben. Die drei Paten, die an der Wiege des Vertrages standen, waren Wilsons Wortbruch, das Diktat der Sieger und die Drohung Englands und Frankreichs, den Krieg fortzusetzen. Das deutsche Volk fühlte sich daher 1919 in Versailles betrogen und erpresst. Es hatte keinen Grund, 20 Jahre später den Briten, Amerikanern und Franzosen in irgendeiner Weise mehr zu trauen, als dem Diktator Hitler. Eine Befreiung Deutschlands von der Hitler-Diktatur durch ausgerechnet diese Mächte wäre der Mehrzahl aller Deutschen zu Kriegsbeginn absurd erschienen.

Die Zwischenkriegsjahre

Auch die Jahre zwischen beiden Kriegen brachten die Sieger und die besiegten Deutschen nicht versöhnlich zueinander. In ihnen entstanden vielmehr immer neue Wunden. Die deutschen Gebietsverluste, die Vertreibungen, die Diskriminierung der Volksdeutschen in Frankreich, Polen und der Tschechoslowakei, die Einmärsche belgischer, französischer, litauischer und polnischer Truppen in das Reich mitten im doch formal geschlossenen Frieden, die Reparationsforderungen der Sieger, die Handelsbarrieren gegen Deutschland und der Boykott Deutschlands während der Genfer Abrüstungsverhandlungen bis 1934 schoben jeder Aussöhnung und Befriedung einen Riegel vor.

Die Gebietsverluste und ihre Folgen

Deutschland verlor zwischen 1919 und 1921 Elsaß-Lothringen ohne Befragung der zu 88% deutschsprachigen Bevölkerung an Frankreich, des weiteren ohne Volksabstimmung das Memelland und Danzig an den Völkerbund, die Provinzen Posen, Westpreußen mit seiner zu 70% deutschen Bevölkerung und Ostbrandenburg an Polen, und nach drei Volksbefragungen auch Eupen-Malmedy an Belgien, Nordschleswig an Dänemark und Ostoberschlesien an Polen. In Nordschleswig und in Ostoberschlesien fielen damit eine Reihe überwiegend deutscher Grenzstädte an Dänemark und Polen. Deutschland verlor 10% seiner deutschen Bevölkerung.

Die unmittelbarste Folge waren die Ausweisung oder Flucht von über einer Million Deutscher aus ihrer Heimat in das deutsche Kernland, das zu der Zeit weder Arbeitsplätze noch Wohnraum noch soziale Hilfe für die Vertriebenen im nötigen Maße bieten konnte. Dazu kamen über 20 Jahre lang für viele Millionen Deutsche, die sich entschlossen hatten, in ihrer angestammten Heimat zu verbleiben, eine Mischung von unfreundlicher Duldung, Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung in den Staaten, denen sie nun ungefragt und ungebeten angehören mussten. Die kurze Zeit bis 1939 ließ kein Vergessen der selbst erlebten Schicksalsschläge zu. Nachdem ab 1934 die wirtschaftliche Lage Deutschlands wieder deutlich besser wurde, und die Vertriebenen in ihrer Mehrzahl wieder Arbeit, Lohn und Wohnraum fanden, und als zwischen 1935 und 1938 erst des Saargebiet, dann die Sudetenlande und dann das Memelgebiet und damit über 3 Millionen Deutsche „heim ins Reich“ kehrten, wollten vor allem diese gerade von der Fremdherrschaft erlösten Menschen sicher nicht schon 1939 wieder eine nächste Niederlage gegen ihre Fremdherrschaft von gestern. Für sie  - wie für die Mehrheit aller Deutschen - war der neue Kriegsanlaß von 1939  - Danzig, die Verkehrswege ins abgetrennte Ostpreußen und die Garantie der Menschenrechte der in Polen lebenden Volksdeutschen -  nur die konsequente Fortsetzung einer Außenpolitik, die ihnen ja gerade selbst die Befreiung von einer Fremdherrschaft beschert hatte. So waren 1939 die Auffassungen der meisten Deutschen über Befreiung und über Niederlage.

Mit den abzutretenden Gebieten verlor Deutschland bei steigender Bevölkerung im Kernland außerdem einen Teil seiner Agrarflächen, Bodenschätze, Industrieanlagen, die ganze Hochseehandelsflotte, Patente und Auslandsvermögen, womit der Wirtschaftsniedergang und die Verelendung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung für die nächsten Jahre vorgezeichnet war.

Die Reparationsleistungen und ihre Folgen

Der Erste Weltkrieg war für fast alle kämpfenden Parteien auch ein finanzieller Opfergang gewesen. Die Deutschen hatten ihre Kriegsausgaben mit Steuern und mit Staatsanleihen selber finanziert. Briten und Franzosen hatten sich die nötigen Gelder größtenteils bei Banken in Amerika geliehen. Die Kriegskosten der USA dagegen waren durch den späten Eintritt in den Krieg relativ gering geblieben. So versuchten die Regierungen Englands und Frankreichs, ihre Kriegsschulden und Kriegslasten nach 1919 aus dem besiegten Deutschland einzutreiben.

Deutschland wurden demzufolge nicht nur Kolonien, Auslandsvermögen, Patente und Industrieanlagen von immensen Werten abgenommen, sondern die neue deutsche Republik sollte neben Sachleistungen wie Kohle, Holz, Vieh und anderem auch in „barem“ Geld bezahlen.

Als erstes musste Deutschland 1919 zur Sicherung der noch nicht festgelegten Reparationen bei ausländischen Banken eine Schuldverschreibung über 100 Milliarden Goldmark unterschreiben und dafür ab der Unterzeichnung 5% Zinsen - das waren 5 Milliarden Goldmark jährlich - zahlen. Um die Größenordnung zu verstehen, sei erwähnt, dass Frankreich 1871 nach einem Kriege, den es selbst verursacht, erklärt und dann verloren hatte, mit einer Gesamtreparation von ca. 5 Milliarden Goldfranken (gleich ca. 4 Mrd. Goldmark) davongekommen war. Die alliierten Sieger verlangten 1919 statt dessen einen Beitrag in fast der gleichen Höhe, aber einmal jährlich, und das ohne Tilgungsanteil.

Im Januar 1921 legten die Siegermächte dann die Gesamthöhe der Reparationen Deutschlands für die nächsten 42 Jahre fest: ca. 331 Milliarden Goldmark. Auch hier zwei Zahlen zum Vergleich. Die Kosten Deutschlands für den gesamten Ersten Weltkrieg hatten nur halb soviel betragen (163 Mrd.). Und das besiegte Russland hatte 1918 im Frieden von Brest-Litowsk überhaupt keine Reparationen an die Sieger Deutschland und Österreich-Ungarn zahlen müssen (2).  Man sah im Ausland schon damals, wie völlig maßlos die eigenen Forderungen in Versailles waren. Dazu drei Siegerstimmen: Der damalige italienische Ministerpräsident Nitti: „Noch niemals ist ein ernstlicher und dauerhafter Friede auf die Ausplünderung, die Quälerei und den Ruin eines besiegten Volkes gegründet worden.“ Der amerikanische Außenamts-Staatssekretär Lansing noch während der Versailler Sitzungen: „Die Friedensbedingungen erscheinen unsagbar hart und demütigend, während viele von ihnen mir unerfüllbar erscheinen.“  Und Churchill in seinen Erinnerungen: „Die wirtschaftlichen Bestimmungen des Vertrages waren so bösartig und töricht, dass sie offensichtlich jede Wirkung verloren. Deutschland wurde dazu verurteilt, unsinnig hohe Reparationen zu leisten.“ Doch die rechtzeitigen und auch die späteren Einsichten führten nicht dazu, dem besiegten Deutschland eine Brücke zu bauen.

Die junge deutsche Republik hatte außer den Reparationen auch noch die eigenen Kriegsanleihen abzutragen, die Unterstützung für die Kriegsopfer aufzubringen, die Entschädigungen für die in Elsaß-Lothringen verlorenen Sachwerte zu leisten und obendrein den Siegern die Besatzungskosten zu bezahlen. So kam es, dass das Deutsche Reich schon die zweite Monatsrate nicht mehr voll bezahlen konnte. Die Sieger besetzten daraufhin zum ersten Mal als Straf- und Repressionsmaßnahme einen Teil des Ruhrgebiets, die Städte Duisburg, Düsseldorf und Ruhrort.

Im Mai 1921 legten die Siegermächte dann einen „endgültigen Reparationsplan“ fest, der allerdings nicht lange (end-) gültig blieb. Die neue Schuld betrug noch 132 Milliarden Goldmark plus einer 26%-Abgabe auf alle deutschen Exporte, was jährlich noch einmal bei 2 bis 3 Milliarden lag. Auch 1922 konnte die Weimarer Republik die Schulden nicht bezahlen. Als gegen Ende 1922 noch 1,6% der Jahresrate fehlten, marschierten belgische und französische Truppen ein zweites Mal ins Ruhrgebiet und besetzten Oberhausen und Essen. Die Reichsregierung Cuno rief daraufhin zum „Passiven Widerstand“ gegen die Besatzungstruppen auf, was zur Erschießung von 14 deutschen Arbeitern und der Vertreibung von 80.000 Männern aus dem Ruhrgebiet führte, die damit Heim, Arbeitsplatz und Lohn verloren. Frankreich unterband außerdem die Lieferung von Kohle von der Ruhr ins nicht besetzte Deutschland. Da die Weimarer Republik schon die Kohlereviere Saar an die Franzosen und Oberschlesien an die Polen hatte übergeben müssen, brach mit dem Kohle-Embargo an der Ruhr die Energieversorgung im ganzen Reich zusammen. Dem folgten der Kollaps der deutschen Industrieproduktion und kurz darauf auch der Zusammenbruch der Reichsmark-Währung. Es kam zur Inflation, bis 4 Milliarden Reichsmark nur noch den Wert von einem Dollar hatten. Es kam zu hoher Arbeitslosigkeit und zur Verelendung eines großen Teiles der Bevölkerung in Deutschland.

1924 folgte der nächste Zahlungsplan der Sieger, der DAWES-Plan, der wieder keine Obergrenzen für die deutschen Zahlungspflichten nannte, aber geringere Jahresraten ansetzte. Deutschland - nach wie vor nicht zahlungsfähig - lieh sich das verlangte Geld bei US-Banken und zahlte seine Reparationen nun fünf Jahre lang mit immer neuen Schulden. 1930 wurde der DAWES-Plan vom YOUNG-Plan abgelöst, der die „endgültige“ Höhe der Reparationen festlegte und die Zahlungsdauer 1988 enden ließ. Auch die YOUNG-Raten musste sich die Weimarer Republik bei Banken in den USA besorgen. Die Reste der DAWES- und der YOUNG-Anleihen zahlt die Bundesrepublik Deutschland noch bis zum Jahr 2010 bei Banken in den USA ab. (3)

1930 begann die Weltwirtschaftskrise in Nordamerika. Die US-Banken - nun selbst in Schwierigkeiten -  verlangten von den deutschen Schuldner-Banken, alle kurzfristigen Kredite der letzten Jahre sofort zurückzuzahlen, worauf im Sommer 1931 fast alle deutschen Banken Konkurs anmelden musste. Es folgte die Zeit der Depression in Deutschland, die Zeit der 6 Millionen Arbeitslosen und der Versuch der Reichsregierung Brüning, die Weimarer Republik am Parlament vorbei mit Notverordnungen wirtschaftlich zu retten. Dies war der Tod der Republik von Weimar.

England und Frankreich hinterließen beim deutschen Volk in dieser Zeit das bittere Gefühl, dass die maßlosen Reparationen die Hauptschuld an der Inflation, an der hohen Arbeitslosigkeit und am eigenen Elend hatten. Dass Inflation und Elend auch noch andere Gründe hatten, wurde nicht so klar gesehen. Selbst der englische Wirtschaftswissenschaftler Keynes bezeichnete die Reparationen als Versklavung, Ausrottung und Unterdrückung. Warum sollten Deutsche dieses anders sehen? Wer hinter die Kulissen blickte, bemerkte auch, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die eigentlichen finanziellen Gewinner des Ersten Weltkriegs waren, und dass die deutsche Depression von 1931 ein Kind der amerikanischen Wirtschaftskrise von 1930 war. So nimmt es nicht Wunder, dass die deutsche Bevölkerung nur acht Jahre nach diesen bitteren Notjahren ab 1939 der Überzeugung war, Krieg gegen ihre Peiniger zu führen. Die Kritik am Unrecht, das die Nationalsozialisten und Hitler bis dahin schon begangen hatten, trat gegen das, was die Sieger des Ersten Weltkriegs den Deutschen bis 1932 zugemutet hatten, krass zurück. Manche Deutsche wären sicher gerne Adolf Hitler und die Nationalsozialisten losgeworden, aber dann politisch und aus eigener Kraft. Eine Befreiung durch die Peiniger von einst wäre ihnen damals unvorstellbar gewesen.

Der Wunsch nach äußerer Sicherheit

Wenn man die Frage nach „Befreiung oder Niederlage“ nicht von Deutschlands Stärke 1939 her betrachtet, sondern von Deutschlands Schwäche 1920, wird manche spätere Entwicklung eher verständlich.

Deutschland rüstete sein Heer nach dem Krieg auf 100.000 und die Marine auf 15.000 Mann ab. Eine Luftwaffe, schwere Schlachtschiffe, eine Panzertruppe und schwere Artillerie zu haben, war der Weimarer Republik durch den Versailler Vertrag verboten. Außerdem war Deutschland gezwungen, seine Westgrenze zu Frankreich und zu Belgien hin bis 50 Km hinter den Rhein ohne Truppen, also schutzlos zu belassen. 100.000 Mann im Heer ohne ausgerüstete Reserven waren zur Deckung des großen Reichsgebiets zu wenig, wenn man bedenkt, dass selbst das kleine Litauen zu der Zeit 150.000 aktive Soldaten und Reservisten unterhielt.

Diese Lage machten sich die Sieger wiederholt zunutze. Trotz des formal geschlossenen Friedens brachen belgische und französische Truppen 1921 und 1923 in Deutschland ein, besetzten erst Teile und dann das ganze Ruhrgebiet und die Stadt Frankfurt.

Im Juli 1919 versuchten 22.000 polnische Bewaffnete im damals noch deutschen Oberschlesien die von den Siegermächten angesetzte Volksabstimmung zu verhindern. Frankreich setzte durch, dass die Reichsregierung Bauer die Reichswehr aus Schlesien, ohne einzugreifen, abzog. Zur Volksabstimmung zur Teilung Oberschlesiens im Februar 1920 ließ Polen 11 Divisionen an der deutschen Grenze aufmarschieren und versuchte ein zweites Mal, die Abstimmung zu verhindern. Nach den Wahlen griffen polnisches Militär und polnische Milizen ein drittes Mal in Oberschlesien ein, um ein größeres Gebiet zu annektieren, als es ihnen nach dem Abstimmungsergebnis zukam. Die französische Regierung warnte die Regierung Bauer, die Reichswehr einzusetzen und die polnischen Verbände aus Deutschland zu vertreiben. Sie drohte, das Ruhrgebiet erneut mit Truppen zu besetzen. Diese drei Verletzungen der deutschen Souveränität durch Polen und die Drohungen Frankreichs waren 1939 nicht vergessen.

1925 eroberten litauische Truppen das deutsche Memelland, das als Völkerbundsmandat nicht von der Reichswehr betreten werden durfte. Und die Tschechoslowakei, ein Bündnispartner der Sowjetunion und Frankreichs, wurde von Letzterem als Drohpotential benutzt. Der französische Luftfahrtminister Cot bezeichnete die Tschechoslowakei mehrmals unverblümt als Flugzeugträger Frankreichs im Rücken Deutschlands. Bomber hätten von dort aus Berlin in nur 45 Flugminuten erreichen können, und Deutschland verfügte über keine Luftstreitkräfte, diese notfalls abzuwehren.

Noch 1933 bot die polnische Regierung der französischen Regierung dreimal an, gemeinsam einen Krieg gegen Deutschland zu eröffnen. Die Franzosen lehnten ab, aber die Absicht der Polen wurden der deutschen Reichsregierung bald bekannt.

So muß man die Sehnsucht der deutschen Bevölkerung vor 1939 sehen, die endlich eigene Truppen haben wollte, die sie vor den wiederholten Friedensbrüchen und den Angriffsdrohungen aggressiver Nachbarstaaten schützen konnte. Eine „Befreiung“ durch die Friedensstörer und Gegner aus dem Ersten Weltkrieg war damals nicht gefragt.

Bei der Unterzeichnung des Versailler Vertrages gab es einen Hoffnungsschimmer. Nicht nur Deutschland war gezwungen worden, die Masse seiner Truppen aufzulösen, auch die Siegermächte hatten sich in dem Vertrag verpflichtet, nach dem Vollzug der deutschen Abrüstung ihre eigenen Heere, Luftstreitkräfte und Marinen abzurüsten. Doch keine der großen Siegermächte hielt ihr Wort. Alle brachen den Vertrag. Frankreich und die mit ihm gegen Deutschland militärisch verbündeten Nationen unterhielten weiterhin so starke Heere, dass die Weimarer Republik ihnen an aktiven Friedens-Heereskräften 1 zu 12 , und einschließlich der Reservekräfte 1 zu 97 unterlegen war (die Sowjetunion und England nicht mit eingerechnet). (4)

Dieses Ungleichgewicht sollte ab 1926 in einer Serie von Abrüstungskonferenzen beim Völkerbund in Genf bereinigt werden. Der belgische Außenminister Vandervelde beschrieb den Sachverhalt zu Konferenzbeginn wie folgt: „Entweder müssen die anderen Mächte ihre Armeen im Verhältnis zur deutschen Reichswehr vermindern, oder der Friedensvertrag wird hinfällig und Deutschland nimmt für sich das Recht in Anspruch, Streitkräfte zu besitzen, die in der Lage sind, die Unverletzbarkeit seines Gebietes zu verteidigen.“

Die Genfer Verhandlungen scheiterten nach 8 Jahren letztlich an den steten Einsprüchen Frankreichs. England behielt seine umfangreichen Seestreitkräfte und Frankreich sein übergroßes Heer. Die Kompromissformel, die am Ende stand, war die Erklärung, dass Deutschland prinzipiell die gleichen Rechte zugestanden werden sollten, wie allen anderen Staaten. Der Kompromiß wurde von Polen und von Frankreich sofort widerrufen.

Auf diese Weise hatten die Sieger von 1918 über ein Jahrzehnt lang Deutschlands Souveränität und Grenzen wiederholt verletzt und dann auch noch verhindert, dass die Weimarer Republik sich eine angemessene Selbstschutzfähigkeit zulegte. So ist die deutsche Wiederaufrüstung ab 1934 von einem überwiegend großen Teil der Deutschen, insbesondere von der Bevölkerung an Deutschlands Grenzen, als eine Befreiung vom aggressiven Druck des Auslands angesehen worden.

Von 1933 bis 1939 rüstete Deutschland seine Wehrmacht zu einer respektablen Größe auf, die 1939 stark genug war, die polnische Armee in einem Blitzfeldzug zu schlagen, die aber in einem Zweifrontenkrieg, wie ihn die Polen 1933 den Franzosen gegen Deutschland vorgeschlagen hatte, kaum stark genug gewesen wäre, Deutschland gleichzeitig sowohl nach Osten als auch nach Westen zu verteidigen.

Die letzte „Befreiung von Versailles“

Nachdem die neu aufgebaute Wehrmacht Deutschland wieder schützen konnte, nachdem die Wirtschaft wieder lief, und nachdem die Landsleute im Saarland, in den Sudetengebieten und im Memelland wieder Staatsbürger ihres Mutterlandes sein durften, standen als letzte deutsche Wünsche noch der freie und unbehinderte Verkehr ins damals vom Reich abgetrennte Ostpreußen und der Anschluß Danzigs auf der Tagesordnung. Alle die genannten bisherigen Erfolge waren von den betroffenen Deutschen als Befreiung von Verelendung, militärischer Bedrohung und Fremdherrschaft empfunden worden. Man nannte das im Sprachgebrauch der Zeit das „Sprengen der Fesseln von Versailles“. Ein Wiederanschluß Danzigs an das Mutterland hatte Mitte 1939 den gleichen Stellenwert. Er wurde als Befreiung der 340.000 Danziger erwartet.

Danzig

Die Danziger wurden 1920 ungefragt und gegen ihren Willen aus dem deutschen Staat herausgelöst. Danzig und das Umland wurden zu einem neuen Staat erklärt, unter die Oberherrschaft des Völkerbunds gestellt und halb von Polen mitverwaltet. Dieser Status des „Freistaats Danzig“ mit einer zu 97% deutschen Bevölkerung - nun ohne deutsche Staatsbürgerschaft - unter der Oberhoheit des Völkerbunds und mit ständig zunehmender Einbeziehung in den polnischen Staat hatte zu einem dauerhaften Unmut im deutschen Volk geführt. Ein „Freistaat Liverpool“ unter Völkerbundsmandat und halber irischer Verwaltung hätte zur gleichen Zeit nicht anders auf die Menschen in Großbritannien gewirkt. Die Deutschen im abgetrennten Danzig reagierten abweisend auf die ständig wachsenden Ansprüche der Polen, und sie wünschten sich, wieder zum eigenen Lande zu gehören. So prägte sich in Danzig ein besonders starkes Nationalempfinden aus.

Polens Rechte im Freistaat Danzig waren im Versailler Vertrag und späteren Abkommen klar geregelt worden. Polen hatte Privilegien im Danziger Hafen, auf der Weichsel, bei Post, Zoll und Eisenbahn im Freistaat und in einem Munitionsdepot am Rand des Handelshafens (auf der Westerplatte). Des weiteren hatte der Staat Polen den Freistaat Danzig im Ausland diplomatisch zu vertreten. Das somit ohnehin belastete deutsch-polnische Verhältnis erhielt nun dadurch ständig neuen Druck, dass der Staat Polen seine Rechte im Freistaat immer weiter ausdehnte oder das versuchte. So benutzte Polen den Handelshafen Danzigs immer wieder gegen den Protest des Danziger Senats und ohne die Zustimmung des Völkerbunds als Liegeplatz für Teile seiner Kriegsflotte. Polen ließ Militärtransporte durch den Freistaat fahren, ohne dass sie, wie vereinbart, vorher beim Danziger Senat angemeldet worden wären. Der polnische Zolldienst maß sich Befehlsbefugnisse gegenüber Danziger Zöllnern an, die ihnen nach den Verträgen nicht zukamen. Polen versuchte seinen Zolldienst zu bewaffnen, was an Danzigs Grenzen nur erlaubt war, wenn auch der deutsche Zoll bewaffnet war. Polen versuchte, den Postdienst im Freistaat mit polnischen Briefmarken und Postkästen in eigene Regie zu übernehmen. Es versuchte, die durch den Völkerbund festgelegte Zahl polnischer Soldaten auf der Westerplatte zu verdreifachen, was allerdings vom Völkerbund unterbunden wurde. So kam der Freistaat Danzig durch alle Jahre von 1920 bis 1939 nicht zur Ruhe.

Die Danziger Bevölkerung erbat beim Völkerbund mehrfach eine Volksabstimmung über das Begehren, wieder Deutschland angegliedert zu werden. Der Völkerbund und die Siegermächte ließen eine Volksabstimmung zum Anschluß Danzigs niemals zu. So wurde die Wiederangliederung Danzigs zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als ein Akt der Befreiung von permanenter Drangsalierung und Fremdherrschaft empfunden.

Der Korridor

Ein Problem von vor allem wirtschaftlicher und psychologischer Bedeutung war die Abtrennung Ostpreußens durch den sogenannten polnischen Korridor. Der Korridor war das deutsch und kaschubisch bewohnte Land zwischen Pommern und Ostpreußen, das 1919 Polen zugeschlagen worden war und Polens „Korridor“ zur Ostsee bilden sollte. Die Transitgebühren-Frage, die Schließung immer weiterer Verkehrswege zwischen dem deutschen Kernland und Ostpreußen und die wirtschaftlichen Folgen für den so abgetrennten deutschen Landesteil habe ich bereits in der 1. Folge dieser Artikelserie beschrieben. Die Lage Ostpreußens in den 20er und 30er Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg war in vieler Hinsicht mit der Lage West-Berlins in der Zeit des kalten Kriegs vergleichbar. So ist den Menschen in Ostpreußen ihr Anschluß an das Kernland Deutschlands mit Kriegsbeginn 1939 zwar keine Befreiung, aber doch eine große Erleichterung gewesen.

Die Volksdeutschen in Polen

Zu den Anlässen für den Kriegsbeginn gehörte neben Danzig und den Verkehrsverbindungen nach Ostpreußen vor allem das Los der in Polen verbliebenen Volksdeutschen. Etwa eine Million Deutsche waren nach 1919 aus ihrer angestammten Heimat ins deutsche Kernland ausgewandert. Jedoch eine weitere Million war in Ostoberschlesien, in Ostbrandenburg, in Westpreußen und in der ehemaligen Provinz Posen geblieben. Die Verbliebenen erlitten im neuen Polen als Bürger zweiter Klasse viele Einschränkungen ihrer bürgerlichen Freiheitsrechte. Sie akzeptierten ihre neue, fremde Herrschaft nur mit Widerstreben. Auch zeigten die Versuche, Deutsche mit Nachdruck zu Polen zu erziehen, kaum Erfolg. Die Polen hielten die deutsche Minderheit - genauso wie die ukrainische und die weißrussische -  deshalb für illoyal und betrachteten sie als Fremde, obwohl sie nun Staatsbürger ihres Landes waren. Drei nacheinander mit Polen geschlossene Minderheitenschutzverträge hatten nicht vermocht, die Lage der Volksdeutschen im Vielvölkerstaat Polen auf Dauer zu verbessern.

Als ab dem Frühjahr 1939 die Verfolgung der Deutschen in Polen wieder schärfste Formen annahm, setzte eine Massenflucht von Deutschen ein. Bis zum August, dem Monat vor dem Kriegsbeginn, waren über 76.000 Menschen aus Polen in das Reichsgebiet geflohen und 18.000 zusätzlich in den Freistaat Danzig. Die Berichte über den Umgang der polnischen Bevölkerung mit der deutschen Minderheit und die Schilderungen der Geflohenen waren Öl aufs Feuer des deutsch-polnischen Verhältnisses in den letzten Wochen und Tagen vor dem Kriegsausbruch. Mit diesem Flüchtlingsstrom aus Polen kam im Sommer 1939 in der deutschen Bevölkerung im Reich eine Stimmung auf, die der von 1990 ähnlich war, als sich in Jugoslawien Zigtausende von Kosowo-Albanern  - von den Serben malträtiert -  auf die Flucht begaben.  1990 hieß es in Europa: „Wie lange will die Welt das noch tatenlos mit ansehen?“. 1939 zirkulierte in Deutschland eine unheilvolle Redewendung, die das Gleiche meinte: „Wann macht der Führer dem ein Ende?“

Der damalige stellvertretende Reichsaußenminister von Weizsäcker - Vater unseres späteren Bundespräsidenten - schrieb dazu, dass die sich dramatisch verschlechternde Lage der Volksdeutschen in Polen und die Massenflucht vom Sommer 1939 das seit langem schwelende Danzig-Korridor-Problem überdeckt hat. (5) Heute ist von dem Los der Volksdeutschen in Polen und von der Massenflucht im Sommer 1939 in unseren Schulgeschichtsbüchern kein einziger Satz zu lesen.

Für die meisten Deutschen im Reichsgebiet war die Niederlage Polens 1939 eine Befreiung der Million Volksdeutsche von jahrzehntelanger Drangsalierung und aufgezwungener Fremdherrschaft. Diese Befreiung hätten viele Deutsche gerne auf dem Verhandlungsweg und ohne Krieg erreicht.

Wer hat wen wann befreit ?

Was der verpasste Dialog mit der inzwischen abgetretenen Vorkriegs- und Kriegsgeneration zu Tage hätte fördern können, sind die Wahrnehmungen der Menschen aus den 20er und 30er Jahren und ihre Sicht im Jahre 1939. Was man damals sehen konnte, habe ich beschrieben. Wie man es sehen konnte, kann ich als Autor eines Buches über dieses Thema nach vielen Gesprächen mit alten, inzwischen meist verstorbenen Zeitzeugen nur schlussfolgern. Es gibt da sicherlich auch andere Schlussfolgerungen.

Die Bürger in den 20er und 30er Jahren sahen zuerst die Ausplünderung des deutschen Volkes - so wie es der damalige italienische Ministerpräsident Nitti ausgedrückt hat -  und die darauf folgende Verelendung breiter Schichten der Bevölkerung in der Weimarer Republik.

Als zweites beobachteten sie das schlimme Los ihrer Landsleute, deren Heimat durch den Spruch der Siegermächte fremden Staaten zugeordnet worden war. Diese fast sechs Millionen Deutschen, die nun gegen ihren eigenen Willen polnische, tschechoslowakische, französische und litauische Staatsbürger zweiter Klasse waren, wurden, wenn es ihnen gut ging, unfreundlich geduldet. Die Mehrheit dieser zwangsweise „Umgebürgerten“ erlitten aber Schicksale wie Entlassung aus dem Arbeitsverhältnis, Enteignung und Vermögenseinzug, Entzug ihrer Betriebs- und Arbeitslizenzen und Drangsalierungen in vielerlei Gestalt. Dass alle diese Auslandsdeutschen „heim ins Reich“ wollten, lag auf der Hand. Etwa eine Million Volksdeutsche z.B. verließ damals ihre Heimat im neuen Polen und siedelte ins deutsche Kernland um. Die meisten aber blieben in der angestammten Heimat und hofften, dass die Regierungen in Deutschland eines fernen Tages ihre Probleme politisch lösen würden.

Als drittes erlebten und erlitten die Deutschen im Rheinland und im Ruhrgebiet, sowie im Memelland und Oberschlesien die skrupellose Missachtung des geschlossenen Versailler Friedens durch die gewaltsamen Einmärsche der Truppen und Milizen einer Reihe von Nachbarstaaten. Diese Friedensbrüche und die eigene militärische Ohnmacht in jener Zeit wurde nicht so bald vergessen.

Als viertes registrierten viele Deutsche in den 30er Jahren den Niedergang von Demokratie und Rechtsstaat im Deutschen Reich, besonders nachdem Hitler Reichskanzler geworden war. Die politischen Morde an SA-Führern beim sogenannten Röhm-Putsch, die Anmaßungen der Parteifunktionäre der NSDAP, die Einrichtung von Konzentrationslagern (zu der Zeit noch) für die Inhaftierung politischer und religiöser Regimegegner sowie die Diskriminierung und die damals erzwungene „Auswanderung“ von Juden schreckten und empörten viele Deutsche.

Als fünftes, als sechstes und als siebentes erlebten die Bürger das deutsche Wirtschaftswunder in den 30er Jahren, die Wiederherstellung der äußeren Sicherheit ab etwa 1935 und vor allem den Anschluß der Deutschen im Saarland, in den Sudetengebieten und im Memelland an ihr Mutterland zwischen 1935 und 1939.

Zunächst das Wirtschaftswunder: Man sah, dass der erste Vierjahresplan von 1933 und des Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht „Neuer Plan“ von 1934 recht schnell zu greifbaren und fühlbaren Erfolgen führte. Der augenfälligste wirtschaftliche Erfolg war die Vollbeschäftigung nach Ablauf des ersten Vierjahresplans. Die Arbeitslosenzahl war von 6,1 Millionen im Jahre 1933 auf 0,2 Millionen im Jahre 1938 zurückgegangen. Die Menschen in Deutschland registrierten dabei durchaus mit Stolz, dass solches hierzulande möglich und gelungen war, während in den USA die Zahl der Arbeitslosen von 12,8 Millionen in genau der gleichen Zeit trotz des „New Deal“-Programms nur auf 10,4 gesunken war.

Dann kam als sechstes die Stationierung deutscher Truppen im bis dahin gegenüber Frankreich militärisch ungeschützten Rheinland sowie der Aufbau einer ernst zu nehmenden Wehrmacht und damit das Ende der Übergriffe der vorher aggressiven Nachbarstaaten.

Als siebtes erlebten die Bürger die schon erwähnten Anschlüsse des Saarlandes, der Sudetengebiete und des Memellandes an Deutschland, was damals als eine Befreiung von Fremdherrschaft und Diskriminierung angesehen worden ist. Die Freude, die über diese Anschlüsse herrschte, war der beim Fall der Mauer und der bei der Wiedervereinigung 1990 empfundenen sehr ähnlich.

Als achtes mussten die Deutschen miterleben, wie ihr „Führer“ Hitler die souveräne Rest-Tschechei zum Protektorat gemacht hat und besetzen ließ. Dies Unrecht passte nicht in die sonst geübte Außenpolitik, nur Deutsche „heim ins Reich“ zu holen. Die Tschechei-Besetzung fiel als dunkler Schatten auf die Heimkehr der Saarländer, der Sudetendeutschen und der Memelländer.

Die Häufigkeit der negativen Eindrücke, die „das Ausland“ seit 1920 hinterlassen hatte, und die Frische der Erinnerung daran führte 1939 zu einer Solidarisierung der Menschen in allen deutschen Landesteilen miteinander. Die Sache der Saarländer, der Bevölkerung im Ruhrgebiet, der Sudetendeutschen, der Danziger und der Deutschen, die noch in Polen lebten, wurde im ganzen Reich als Teil des eigenen deutschen Nachkriegsschicksals angesehen. Das deutsche Solidaritätsgefühl war noch lebendig.

Nach dem Anschluß des Memellandes standen immer noch drei Probleme offen, die allerdings nur mit Hilfe und Einverständnis der polnischen Regierung und der polnischen Bevölkerung zu lösen waren. 340.000 Danziger hatten den Wunsch, wieder zu Deutschland zu gehören. Die Bevölkerung Ostpreußens brauchte sichere und zuverlässige Verkehrswege für den Personen- und den Güterverkehr ihres seit 1919 abgetrennten Landesteils mit dem deutschen Kernland. Hitler hatte deshalb nach jahrzehntelangen Querelen um den Verkehr zwischen Ostpreußen und dem Reich und häufigen polnischen Behinderungen exterritoriale Straßen- und Schienenwege von und nach Ostpreußen verlangt. Und drittens ging es um die Garantie der Menschenrechte für die eine Million in Polen lebenden Deutschen. Dies Problem war trotz dreier nacheinander abgeschlossener Minderheitenschutzverträge nie für lange Zeit gelöst gewesen.

Im Oktober 1938 begannen deutsch-polnische Verhandlungen zur Lösung der drei genannten Fragen. Die Gespräche zwischen Warschau und Berlin liefen sich nach hoffnungsvollem Anfang im März 1939 fest. Die polnische Regierung machte am 23. März ihre Armee teilmobil und ließ Truppen in Richtung Danzig und Ostpreußen aufmarschieren. Hitler gab eine Woche später, am 3. April der Wehrmachtsführung Weisung, einen Krieg gegen Polen so vorzubereiten, dass er am 1. September beginnen könnte, wenn es bis dahin keine Einigung mit Polen in den drei offenen Fragen geben sollte. Im August 1939 machte Hitler Polen dann noch einmal einen Vorschlag zur Regelung der deutsch-polnischen Differenzen. Er verband den Vorschlag mit einem kurz gesteckten Ultimatum. Als die polnische Regierung Verhandlungen unter einem Ultimatum ausschlug, ließ der Diktator Hitler die Wehrmacht am 1. September in Polen einmarschieren.

Bilanz

Wenn Deutsche 1939 Bilanz gezogen hätten, wäre ihnen zum Verhalten des Auslands nach dem Ersten Weltkrieg und zum Regime der Hitler-Diktatur ab 1933 vieles durch den Kopf gegangen. Die Bilanz zum Ausland hätte keine Positiva aufgewiesen. Die Ausplünderung Deutschlands durch die Sieger, die wiederholten Einmärsche ausländischer Truppen, die völkerrechtswidrigen Annexionen Oberschlesiens und des Memellandes, der Bruch des Versailler Vertrags durch die Sieger, die ihre vertraglich zugesagten Abrüstungen unterließen, die frustrierenden Abrüstungsverhandlungen in Genf und die Behandlung der Auslandsdeutschen in den Staaten, denen sie nun angehören mussten, hatten in Deutschland nicht die geringsten Sympathien für das Ausland hinterlassen. Außer den Niederlanden, Luxemburg, der Schweiz und Österreich genoß kein Nachbarland mehr Vertrauen oder Wertschätzung.

Die Bilanz zur Diktatur des Adolf Hitler dagegen hätte sowohl Negativa als auch Positiva aufgewiesen. Belastend waren der Niedergang von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie im Deutschen Reich, die menschenunwürdige Diskriminierung und Verfolgung der Sinti, Roma und der Juden, die Ermordung der SA-Spitzenfunktionäre 1934, und nicht zuletzt Hitlers Vorgehen gegen die Rest-Tschechei unmittelbar nach dem Auseinanderfall der Tschechoslowakei in drei separate Staaten. Letzteres wurde in breiten Kreisen der deutschen Bevölkerung nicht verstanden, jedoch von vielen Fachleuten im Auswärtigen Amt und in der Wehrmacht schon als Fanal für einen späteren Krieg gewertet.

Das Sündenregister Hitlers war bis 1939 lang geworden. Dem standen Positiva gegenüber. Das soziale und wirtschaftliche Massenelend war beendet. Über 6 Millionen Arbeitslose und die dazugehörenden Familien hatten wieder Lohn und konnten für sich selber sorgen. Die deutsche Wirtschaft hatte in 26 Ländern Südamerikas, des Balkans und im Nahen Osten durch deutsche Sonderkonditionen Fuß gefasst. Der Geldwert war bis zum Kriegsbeginn stabil. Das Reich war wieder selbstschutzfähig. Die Übergriffe aggressiver Nachbarstaaten hatten aufgehört. Wohnungsbau und Straßenbau florierten. Deutschland und Österreich waren ein Land geworden, wie es 1919 das erste Parlament der neuen deutschen Republik und das erste Parlament der neuen österreichischen Republik gefordert und in ihren ersten Verfassungen als Vereinigungsgebot verankert hatten (6).  Und die deutschen Bürger des Saarlandes, der Sudetengebiete und des Memellandes waren „heim ins Reich“ gekehrt.

In einer Bilanz sind Wirtschaftswunder und KZs nicht aufzurechnen. Aber die Positiva bewegten und betrafen die breite Mehrheit aller Deutschen. Die Negativa betrafen meist die Minderheiten oder sie wurden, wie der Verlust an Demokratie und Rechtsstaat, von der Mehrheit der Bevölkerung in der Bilanz als nicht so gravierend angesehen. Lohn und Brot und die Freiheit von der Fremdherrschaft waren den meisten Menschen bedeutender als der Verlust an Bürgerrechten.

Wenn man dann den „Kredit“, den der Diktator Hitler 1939 hatte, gegen den „Kredit“ des Auslands stellt, darf es nicht wundern, dass die Mehrheit aller Deutschen Hitler sowohl Schlechtes als auch Gutes, dem Ausland aber überhaupt nichts Gutes abgewinnen konnte. So war der Angriff gegen Polen für die Deutschen 1939 die Auseinandersetzung mit einem allgemein als feindlich empfundenen Nachbarvolk und –staat. Der Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen wurde als der Versuch gesehen, nun auch die Danziger und die in Polen verbliebenen Volksdeutschen von Fremdherrschaft und Drangsalierung zu befreien. Dass Hitler damit eine halbe Welt in Brand steckte (7), hat in Deutschland nur eine Reihe weit Denkender geahnt, z.B. Männer, die dem NS-Regime als Widerstand entgegenstanden, aber auch Wirtschaftsführer, Offiziere in der Wehrmacht und Beamte des Auswärtigen Dienstes.

Die Masse der deutschen Bevölkerung hatte nur 20 Jahre nach der Niederlage von 1918 und deren bitteren Folgen bei der Eröffnung dieses neuen Krieges ein ungutes Gefühl, viele Menschen wohl auch Angst. Doch die schlimmen Konsequenzen, die in den sechs Kriegsjahren und nach dem Krieg noch folgen sollten, konnten den Deutschen am 1. September 1939 ja noch nicht bekannt sein. Auch als der Krieg schon am 3. September 1939 in seine nächste Stufe ging, als Frankreich und Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, standen die Deutschen hinter dem Diktator Adolf Hitler. Als Beispiel dafür kann der Regime- und Hitler-Gegner Pastor Martin Niemöller stehen. Er sah am 3. September nach den Kriegserklärungen aus London und Paris das Vaterland in Gefahr und meldete sich - wie bereits erwähnt -  aus dem KZ heraus als Marineoffizier zum Einsatz bei der Kriegsmarine. Der innere Feind in Gestalt der Diktatur wog daneben wenig oder nichts. Niemöller, der spätere Kirchenpräsident, sah in Frankreich, Großbritannien und Polen die Peiniger Deutschlands der letzten 20 Jahre. So war die „öffentliche Meinung“.

Der Gedanke  - wenn er denn jemandem zu Kriegsbeginn gekommen wäre - , eine deutsche Niederlage am Ende dieses Krieges als Befreiung anzusehen, hätte den Willen der breiten Mehrheit aller Deutschen, Danzig und die Volksdeutschen von Fremdherrschaft und Drangsal zu befreien, pervertiert. Es wäre 1939 in Deutschland auf völliges Unverständnis gestoßen.

Der Meinungsumschwung?

Die sechs Jahre Krieg, die folgten, waren für viele Völker dieser Erde ein grauenvoller Opfergang. In Deutschland waren es die Kriegstoten, Ausgebombten, Verwundeten, ins KZ Gesperrten, Vertriebenen, Kriegsgefangenen und Todesopfer des NS-Regimes, die diesen Krieg am teuersten bezahlen mussten. Mit ihnen bildete sich bis 1945 ein anderes Meinungsbild zu Krieg, NS-Herschaft und zu deren Ende am 8. Mai 1945. Doch die Lage, die 1939 zu diesem furchtbaren Krieg geführt hatte, war in Deutschland auch 1945 noch so gut wie jedermann bekannt.

Diese Artikelserie wird mit ihrer 4. und letzten Folge zur Frage   BEFREIUNG ODER NIEDERLAGE ODER WAS?   mit der Sicht der Deutschen vom 8. Mai 1945 fortgesetzt.

weiter zu Teil 4

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Anmerkungen:

  1. Wilson Papers, Paul List Verlag, 1923, Seite 538

  2. Artikel 9 des Friedensvertrages von B.-L. bestimmt den Verzicht auf Reparationen. 5 Monate später wird in einem weiteren Abkommen die Zahlung von 6 Mrd. Mark an Deutschland zur Kompensation in Russland verlorener deutscher Vermögen, für die Ernährung russischer Kriegsgefangener in Deutschland usw. vereinbart.

  3. BMF VB2-0126 6-b-16/04 vom 08.07.2004

  4. Daten, Fakten und Quellen zum Rüstungswettlauf siehe „1939 Der Krieg, der viele Väter hatte“ OLZOG-Verlag, Seiten 223-284

  5. Von Weizsäcker Erinnerungen, Seite 242

  6. Die Vereinigungsgebote in den ersten Verfassungen der Weimarer und der Österreichischen Republik mussten auf Druck der Siegermächte getilgt werden.

  7. Die andere halbe Welt brannte schon mit der amerikanisch-japanischen Auseinandersetzung um die Hegemonie in China ab 1937.
     

Quellen:
Soldat im Volk, Ausgabe Juni 2004;
Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 20 / 21.05.2005, Seite 16;
Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft, Hamburg, 2004,
(
www.swg-hamburg.de/Geschichtspolitik/BEFREIUNG_ODER_NIEDERLAGE_ODER/...);
Rede zum 8. Mai 1985 des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker:
www.bundestag.de/parlament/geschichte/parlhist/dok26.html;
oder:
http://nibis.ni.schule.de/~rs-leer/gesch/ge0047.htm

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weiterführende Lektüre ist das Buch: 1939 Der Krieg, der viele Väter hatte vom selben Autor.
Es ist die Grundlage der Artikelserie

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weitere Informationen:

Militärgeschichtliches Forschungsamt sieht Ursprünge der Vertreibung weit vor dem Zweiten Weltkrieg

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weitere Informationen:
73-64. Flucht und Vertreibung (Dokumentation, Teile I und II)
"Inferno im Osten" (I) und "Die Rechtlosen" (II) Dokumentation von 1981

Playlist:
http://www.youtube.com/view_play_list?p=4BBF33856F56400D

73. Flucht und Vertreibung (II): Die Rechtlosen (5/5)
http://www.youtube.com/watch?v=wqqQQ6yuatc

72. Flucht und Vertreibung (II): Die Rechtlosen (4/5)
http://www.youtube.com/watch?v=KZNTMQBxLFo
71. Flucht und Vertreibung (II): Die Rechtlosen (3/5)
http://www.youtube.com/watch?v=gFuZwjVIaqs
70. Flucht und Vertreibung (II): Die Rechtlosen (2/5)
http://www.youtube.com/watch?v=AB_uC0ALq8A

69. Flucht und Vertreibung (II): Die Rechtlosen (1/5)
http://www.youtube.com/watch?v=yZ7WYJZ97Ac
68. Flucht und Vertreibung (I): Inferno im Osten (5/5)
http://www.youtube.com/watch?v=huKWKNS2hHE

67. Flucht und Vertreibung (I): Inferno im Osten (4/5)
http://www.youtube.com/watch?v=zSF8NfG9OZ4
66. Flucht und Vertreibung (I): Inferno im Osten (3/5)
http://www.youtube.com/watch?v=M_d0TAmed2A
65. Flucht und Vertreibung (I): Inferno im Osten (2/5)
http://www.youtube.com/watch?v=J_vmEXYEA6c
64. Flucht und Vertreibung (I): Inferno im Osten (1/5)
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