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Das Storchendorf

 


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Lied: Der Adebar


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Hermann Sudermann


Der Oadeboar (Adebar) –
charakteristisch für Ostpreußen ist der Glückbringer -
Reikenigken – das Storchendorf

Welcher Ostpreuße kennt ihn nicht den Adebar. Der Begriff soll seinen Ursprung im germanischen Wortschatz haben. Das Wort auda“ - für Glück oder Heil stehend - und das Wort bera“ für tragen stehend gibt einen Hinweis auf die Eigenschaften, die dem Storch in Legenden beigemessen wurde. Sofort treten uns die bekannten Rufe und Sprüche, oder vertonte Gedicht vor Augen. Storch, Storch Guter bring mir einen Bruder oder Storch, Storch Bester, bring mir eine Schwester“.

Die Dorfschulkinder konnten es kaum erwarten, bis im März die Störche kamen, waren sie endlich da, hatte der Dorfschullehrer seine Qual, denn die Kinder hatten ihre Schulsachen versteckt und schrieben groß an die Schultafel, Die Störche sind gekommen und haben unsre Schulsachen fortgenommen.“ Bald danach war ein storchenfreier Schultag gewonnen.

In alter Zeit sollen unsere Ahnen im Land der Pruzzen beim Anblick der wiederkehrenden Störche auf die Kniegefallen sein. Wies der Anblick der Störche doch auf den nahenden Frühling hin, nach schneereicher Zeit Frost und Leben auf Sparflamme ein Lichtblick.

In unserer Zeit galt der 25. März als der Storchentag, trafen doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit um den 25. März die ersten Störche in der Provinz Ostpreußen ein. Den wenigsten war wohl der weite Weg unserer lieben Gäste bewusst. Hatten Sie doch ihren Weg aus Südafrika oder südlich der Sahara zurück in unsere geliebte Heimat gefunden.

1934 wurden in Ostpreußen 18.270 Storchenpaare gezählt, davon lebten ungefähr 535 Paare im Kreis Labiau. Das der Storch eine Bedeutung durch die Zeiten hindurch bewahrte, wird gewiss durch die Namensgebung bestimmter Orte. So geht die Namensgebung des Ortes Gandrinnen auf den litauischen Begriff Gandras“ für Storch zurück. Gandrinnen wurde in den 1930iger Jahren in Storchfelde umbenannt. Gandrinnen gehörte zum Kirchspiel Jodlauken im Kreis Insterburg. Der Ort lag nahe der Reichsstraße 139 von Nordenburg nach Insterburg. Aus Insterburg stammte Dr. Hornberger, der als Ornitologe an der Vogelwarte in Rossitten seinen Dienst versah. Lesenswert sein Artikel im Ostpreußenblatt 1954 Folge 16 Seite 9.

Sein Artikel war wohl auch Grundlage für einen weiteren Artikel aus dem Jahr 1955, Folge 16 Seite 9 unter der Überschrift Sieben Storchennester auf einem Hof“. Der Artikel war mit Bild und einer Preisfrage verbunden: es sollte angegeben werden, wer den Hof kennt und wer etwas zu dem Bild schreiben könne.

Der abgebildete Hof stellte die Besitzung von Fritz Michel in Reikeningken Kreis Labiau dar.

Groß Reikeningken war ein besonderes Dorf: es wurde aus den Gehöften Michel, Hantel und Lemke gebildet.

Auf dem landwirtschaftlichen Betrieb meiner Großeltern, Arno und Clara Lemke, gab es zwischen 13 bis 15 regelmäßig besetzte Storchennester. Diese befanden sich auf den Wirtschaftsgebäuden sowie einige in den Bäumen der Hofzufahrt. Rechnet man pro Storchennest mit zwei Altvögeln und drei Jungvögel so kommt man auf ca. 75 Störche.

Aus Rossitten kamen regelmäßig Fachleute, die die Jungstörche mit Ringen versahen. Aus deren Erkenntnis ergab sich, dass Groß Reikeningken, insbesondere der Hof meiner Großeltern, als der storchenreichste Hof in Ostpreußen und damit des damaligen Deutschen Reiches galt. Meine Großeltern und mein Vater erzählten viele Geschichten um unseren Adeboar.

Des öfteren geschah es, dass Jungstörche während ihrer Flugproben, ihr Können vermutlich falsch einschätzen und unsanft auf der gepflasterten Hoffläche aufschlugen. Einige berappelten sich und konnten weiter ziehen, andere wurden dann von meinem Vater und seinem Bruder in Pflege genommen.

1939 begab sich folgendes: Ein Jungstorch, der sich eine Verletzung zugezogen hatte, wurde von meinem Vater und seinem Bruder gepflegt, es wurden Frösche, kleine Fische aus der Deime sowie den Gräben gefangen. Dem Storch wurde auf dem Kaninchenstall eigens ein Nest gebaut. Der verletzte Storch erhielt den Namen Hansi. Der Storch Hansi verließ mit dreitägiger Verspätung am 31. August 1939 den Hof. So pünktlich wie die Störche im März eintrafen, so pünktlich flogen Sie am 28. August wieder gen Süden. Im März 1941 traf Hansi als dritter Storch wieder in Reikeningken ein. Die Freude über die Rückkehr des Storches war groß und wurden mit den Rufen: Unser Hansi ist wieder da!“ begleitet. Erkannt wurde Hansi an seinem Bindfaden, den mein Vater ihm um seinen Fuß gebunden hatte.

Man hatte angenommen, dass die Jungstörche erst nach zwei Jahren zurückkehren würden, dies war eine offenkundige Bestätigung.

Eine andere wahre Begebenheit: Mein Großvater erinnerte sich an einen anderen Jungstorch, der bei Flugübungen im Jahr 1944 sich eine Flügelverletzung zugezogen hatte. Auch dieser Storch wurde liebevoll gepflegt und behandelt. Er bekam einen Platz im Hühnerstall. Dort wurde er schnell zu einer Art Polizist gab es Streit zwischen den Hühnern, schritt er ein. Was aus diesem Storch geworden ist, konnte mein Großvater nicht mehr schildern, das Schicksal des Storches konnte nicht geklärt werden.

Meine Großmutter mit Ihren Kindern, drei Söhne und zwei Töchter, flüchtete wie so viele andere. Die Flucht verlief nicht erfolgreich. In Metgethen verlor meine Großmutter Ihre Pferde während eines Angriffs. Sie gerieten in Gefangenschaft und sollten mit einem Lkw Transport nach Russland abtransportiert werden. Unterwegs gelang Ihnen die Flucht zusammen mit einer weiteren Familie aus Reikeningken, Wehr, in der Nähe von Kraupischken / Lengwethen. Beide Familien hielten sich in den Wäldern auf und bewegten sich in Richtung Labiau. Als Sie Mitte Mai / Anfang Juni wieder in Labiau und Reikeningken eintrafen, war der einst storchenreichste Hof verwaist. Russische Soldaten sollen Störche als Zielscheiben missbraucht haben.

Auf meinen Fahrten seit 1991 zusammen mit meinem Vater haben wir keine Störche mehr in Reikeningken gesehen. Es gibt vereinzelte Storchennester in Labiau sowie dem Nachbardorf Klein Reikeningken.

Störche sind für uns besondere Vögel erinnern sie uns doch mit Ehrfurcht an die Leistung, die Sie jedes Frühjahr und im Spätsommer auf sich nehmen. Erinnern sie uns auch an unsere Heimat.

Eine Storchendame Prinzesschen“ hatte es als Motiv 2004 auf eine Briefmarke der Deutschen Bundespost geschafft. Ihr wurde ein Sender angebracht, der den langen Flug live verfolgen ließ, Sie bleibt vielen Naturfreunden in Erinnerung. Uns berührte ihr Schicksal.

Klaus-Arno Lemke

Bild der Hofanlage Reiken / Reikeningken (zum Vergrößern anklicken!)

Bild der Hofanlage Reiken / Reikeningken (zum Vergrößern anklicken!)
 

Quelle:
Beitrag als Artikel veröffentlicht in: Ostpreußen - Land der dunklen Wälder
70 Jahre Landsmannschaft Ostpreußen -  Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, 2019.
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