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Alliierte verboten mehr als die Nazis
Die größte Bücherverbots- und -vernichtungsaktion in Deutschland
führten die Besatzungsmächte durch
von Hans-Joachim von Leesen

Immer noch liest und hört man, in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft seien die Deutschen abgeschnitten gewesen von den modernen kulturellen Strömungen des Auslandes. Was vor 1945 in Deutschland in einschlägigen Medien veröffentlicht wurde, habe sich auf Förderung, ja Glorifizierung kultureller Tätigkeiten der Deutschen beschränkt und sei daher provinziell gewesen. Selbst durch die Hörsäle unserer Hochschulen geistert noch die These der geistigen Einkerkerung durch das NS-Regime, so daß sich vor diesem Hintergrund der Sieg des Auslandes wie eine geistige Befreiung ausnimmt. 1945 sei, so hört man, von den Siegern die Mauer um das kulturelle Ghetto zerbrochen worden; Freiheit und Weltoffenheit habe endlich auf die Deutschen einwirken können.

Bereits 1981 erschien unter dem Titel „Das gespaltene Bewußtsein“ ein in mehreren Auflagen herausgekommenes Buch von Hans Dieter Schäfer, Professor für deutsche Literaturgeschichte, über „deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933 bis 1945“, das damals für kurze Zeit Aufsehen erregte und von der meinungsbildenden Presse gebührend beachtet wurde. Widerspruch zu seinen Thesen ist dem Referenten nicht bekannt geworden. Darin liest man den von heute gesehen erstaunlichen Satz: „Eine Absperrung von der ausländischen Moderne, wie sie nach 1945 für die gesamte Hitler-Ära festgestellt wurde, hat es tatsächlich nicht gegeben. Unsere Vorstellung von einer Gleichschaltung ist von Bücherverbrennungen und Verbotslisten geprägt; in Wirklichkeit galten jedoch die ‚schwarzen Listen‘ lediglich für öffentliche Büchereien.“

Man erfährt in Schäfers Buch, daß es bis in die ersten Kriegsjahre hinein möglich gewesen ist, Bücher aus der neutralen Schweiz zu bestellen. Dabei erfolgte nie eine Kontrolle der eingeführten Titel. Auch für deutsche Verlage habe es bis zum Kriegsausbruch kein systematisches Verbot gegeben, ausländische Literatur zu drucken (gemeint: zu verlegen). Schäfer verweist auf eine Statistik, von der er sogar glaubt, daß sie unvollständig sei, nach der die „Auflage der aus dem Ausland übersetzten Bände auf 3 1/4 Millionen“ im Dritten Reich geschätzt werden müsse.

Seine Untersuchung förderte bemerkenswerte Fakten zu Tage. Nahezu alle modernen Neuerscheinungen aus Frankreich wurden in Deutschland übersetzt und verlegt, so Bücher von Thyde Monnier („Liebe, Brot der Armen“, 1939), Sascha Guitry (mehrere Titel), selbst sieben Bücher von André Maurois (obgleich er Jude war), Jean Giono, Henry de Montherlant, Jules Romains, Georg Bernanos, Paul Claudel, Francois Mauriac, Julien Green, Paul Valéry, Jean Giraudoux. Großen Erfolg hatten die Bücher von Antoine de Saint-Exupéry „Nachtflug“ (1939) und „Wind, Sand und Sterne“ (1940 bis 1943 bereits 120.000).

„Die Flut übersetzter englischer Kriminal- und Gesellschaftsromane stoppte erst der Krieg“, so Schäfer. Er erwähnt deutsche Übersetzungen der Werke von Joyce Cary, A. J. Cronin, Warwick Deeping, C. S. Forester, Howard Spring, D. H. Lawrence, Katherine Mansfield, Sommerset Maugham, Charles Morgan, Evelyn Waugh und Virginia Wolfe. Bücher von James Joyce wurden in der deutschen Presse heftig diskutiert – von der einen Seite als Produkt einer „krankhaften Selbstzergliederung“ abgelehnt, von der anderen als Zeugnis der „säkularen Bedeutung des Dichters und Künstlers Joyce“ gerühmt.

Die moderne amerikanische Literatur stand im damaligen Deutschland in hohem Ansehen. „Auf die junge Generation übten vor allem Thomas Wolfe und William Faulkner eine Faszinationskraft aus.“ Die wichtigsten Werke von Thornton Wilder lagen in deutschen Ausgaben vor wie auch die von William Saroyen, Gwen Bristow, Louis Bromfield, Rachel Field oder Pearl S. Buck. Nachdem sich Ernest Hemingway als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus geäußert hatte, wurden deutsche Übersetzungen nicht mehr verlegt, doch konnte man ohne weiteres seine Bücher in der Originalfassung etwa über die Schweiz kaufen. Auf der vom Institut für Zeitgeschichte in München im Januar 2004 veröffentlichten Liste der Bestseller in Deutschland zwischen 1933 und 1945 findet man an 35. Stelle die deutsche Übersetzung von Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“ mit einer Auflage von 300.000 bis 1941.

Überrascht liest man, daß in der deutschen Presse Berichte über das kulturelle Leben im besetzten Frankreich erschienen, so etwa über die Uraufführung von Paul Claudels „Der seidene Schuh“ und über Jean Giradoux’ „Sodom und Gomorrha“. In der Wochenzeitung „Das Reich“, deren Leitartikler Josef Goebbels war, wurde Sartres 1943 in Paris uraufgeführtes Schauspiel „Die Fliegen“ gegen ablehnende französische Kritik in Schutz genommen; selbst auf Camus’ „Der Fremde“ und „Der Mythos von Sisyphos“ wurde hingewiesen, auch auf Cocteau und Anouilh.

Gegen die Behauptung, Deutschland sei geistig eingekerkert gewesen, spricht die Tatsache, daß nach Schäfer ausländische Zeitungen bis Kriegsanfang an jedem größeren Kiosk frei erworben werden konnten – mit Ausnahme der Presse aus der Sowjetunion.

Ähnlich Erhellendes liest man über ausländische Filme im nationalsozialistischen Deutschland, so beispielsweise, „daß bis Mitte 1940 jede Woche ein Hollywood-Film in der Originalfassung oder synchronisiert“ in deutschen Großstädten zu sehen war – inklusive des Stars Marlene Dietrich, die nicht selten die Titelseiten der deutschen Illustrierten zierte.

Bis 1940 wurden in Deutschland Schallplatten produziert mit ausländischen Aufnahmen, unter anderem mit Louis Armstrong, Duke Ellington, Artie Shaw, Glenn Miller und Harry James. Was es mit der kulturellen Freiheit auf sich hatte, die mit dem Einzug der siegreichen Besatzungsmächte in Deutschland verbunden gewesen sein soll, das ergibt sich aus der Veröffentlichung der „Liste der auszusondernden Literatur“, in der aufgrund des „Befehls des Obersten Chefs der sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland“ und mehrerer „Befehle des Kontrollrates, betreffend Einbeziehung von Literatur und Werken nationalsozialistischen und militärischen Charakters“ die Bücher zusammengestellt wurden, die den alliierten Besatzungsbehörden „zwecks Vernichtung“ auszuliefern waren. Zusammen mit den drei folgenden Ergänzungsbänden umfaßt diese Liste insgesamt 34.645 Buchtitel – von den Gedichten Walther von der Vogelweides bis zu christlichen Traktaten, von Gottfried Benn bis zu Schriften Friedrich des Großen, von der Tennisfibel bis zu Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“. Sogar die deutsche Übersetzung eines Buches Charles de Gaulles wie ein Buch Kurt Tucholskys, das er unter seinem Pseudonym Theobald Tiger veröffentlicht hatte, gehörten dazu. Es handelte sich um die größte Bücherverbots- und Büchervernichtungsaktion der Weltgeschichte, und die geschah erst nach dem Ende des Nationalsozialismus.
 

Quellen:
Bild: http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit.html;
Text: Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt, 14/06 v. 08.04.2006

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weitere Informationen:
Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone,
Liste der auszusondernden Literatur
http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit.html;
Alliierte Zensur im Nachkriegsdeutschland
Allied Censorship in Post War Germany
http://vho.org/censor/tA.html;
DDR: Die größte Buchvernichtung christlicher Literatur nach 1945?
http://archiv.twoday.net/stories/3399952/;
 


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