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Namenforschung vor dem Aus?
Gastbeitrag von Prof. Dr. Jürgen Udolph

Die Namenforschung hat in den vergangenen Jahren Millionen Menschen erreicht und begeistert. Schon Jacob Grimm, einer der Begründer der deutschen Sprachwissenschaft, war vor über 150 Jahren fasziniert vom Erkenntnispotenzial dieser Disziplin. „Es gibt ein lebendigeres Zeugnis über die Völker, als Knochen, Waffen und Gräber, und das sind ihre Sprachen“, schrieb er und weiter: „Ohne die Eigennamen würde in ganzen frühen Jahrhunderten jede Quelle der deutschen Sprache versiegt sein, ja die ältesten Zeugnisse, die wir überhaupt für diese aufzuweisen haben, beruhen gerade in ihnen ... eben deshalb verbreitet ihre Ergründung Licht über die Sprache, Sitte und Geschichte unserer Vorfahren“.

Diese Erwartung Grimms hat sich inzwischen vielfältig bestätigt. In Leipzig hatte man die Bedeutung der Namen und ihrer Aussagekraft schon früh erkannt, nicht zuletzt aufgrund der slawisch/sorbisch-deutschen Kontaktphänomene, die hier überall zu beobachten sind. So entstanden nach und nach fast 40 Bände der Reihe Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte, man begründete bedeutende Fachzeitschriften, Kolloquien wurden abgehalten und der 15. Internationale Kongress für Namenforschung wurde 1984 in Leipzig abgehalten. Nach der Wende gelang es, 1995 die erste und einzige Professur für Namenforschung in ganz Mitteleuropa und einen entsprechenden Studiengang zu installieren.

Namen sind Zeugen der Geschichte. In ihnen sind Informationen verborgen, die auf keinem anderen Weg mehr gewonnen werden können. Ortsnamen geben Auskunft über frühe Siedlungszustände, über Wanderungen von Völkern, über Kontakte zwischen Sprechern von schon längst untergegangenen Völkern. Mit ihrer Hilfe können Fragen wie die Heimat von Slawen, Germanen und Kelten beantwortet werden, in ihnen sind Hinweise auf Wanderungsbewegungen wie die deutsche Ostsiedlung, der Zug der (späteren) Angelsachsen vom Festland auf die Britischen Inseln und die Ausbreitung slawischer Stämme bis nach Sibirien verborgen. Ortsnamen enthalten Indizien für die Sprache der Nutzer der Himmelsscheibe von Nebra vor über 3600 Jahren und für die ursprüngliche Ausbreitung slawischer Stämme in Deutschland im frühen Mittelalter.

Die Namenforschung beantwortet damit grundlegende historische Fragen, auf die selbst die Archäologie keine Antwort mehr geben kann. Allerdings sind onomastische Forschungen oft aufwendig und langwierig; die personelle Ausstattung des Faches ist gering, vor allem gemessen an den oft verblüffend weitreichenden Forschungserfolgen.

Keine Ortsgeschichte geht an dem Namen der Ortschaft und seiner Bedeutung vorbei. Es ist kein Wunder, dass Ortsnamen immer wieder großes Interesse wecken. Jüngstes Beispiel ist eine Radiosendung bei NDR1 Niedersachsen, in der fünf Mal in der Woche ein Ortsname erläutert wird.

Besonderen Anklang finden Erläuterungen der Familiennamen. Menschen tragen einen von den Vorfahren ererbten Namen und Millionen wissen nicht, was er bedeutet. Die Leipziger Namenforschung erkannte dieses Potenzial und wandte sich verstärkt diesem Gebiet zu. Seit etwa zehn Jahren haben auch führende Medien dieses Interesse bemerkt;  „Zeit“, „Welt“, „Spiegel“ und „FAZ“ berichteten, Fernsehsender brachten Berichte und regelmäßige Sendungen. Im Jahr 2006 wurde die Sendung „Deutschland – Deine Namen“ mit Johannes B. Kerner in Zusammenarbeit mit der Leipziger Namenforschung ausgestrahlt. Zusammen mit einer anschließenden 90-minütigen Diskussionsrunde wurde an diesem Abend drei Stunden lang über Familiennamen informiert.

Kein Zweifel: Die Leipziger Universität hatte sich zum Zentrum des Interesses an onomastischen Fragen entwickelt, es wurden Arbeitsstellen für Absolventen des Faches eingerichtet, um die wachsende Zahl der Anfragen zu beantworten. Parallel dazu vervierfachte sich die Zahl der Einschreibungen für dieses Fach von 58 Studentinnen und Studenten im Herbst 1997 auf 231 Neuimmatrikulationen sieben Jahre später. Kurzum: Die Namenforschung hatte ihren Dornröschenschlaf beendet und war zu einem deutschlandweit bekannten Fach avanciert.

Niemand hätte bei meinem Ausscheiden im Jahr 2008 gedacht, dass dieses blühende Fach schon wenig später würde sterben können. Wo liegen die Gründe für das heute tatsächlich drohende Ende?

Die erste ordnungsgemäße Berufung eines Nachfolgers scheiterte an Uneinigkeit innerhalb der Berufungskommission. Der erste Vorschlag überstand die Fakultät nicht.

Gleichzeitig setzte der unselige Bolognaprozess ein. Was sollte man mit einem kleinen Fach wie der Onomastik machen? Einen Bachelor-Studiengang? Und damit die Studierenden als Namenforscher in die Arbeitswelt entlassen? Unmöglich. Also blieb nur ein Master-Studiengang, der nach erfolgreicher Akkreditierung der weltweit einzige Studiengang dieser Art war.

Nun muss man aber zunächst einen Bachelor haben, um den Master anschließen zu können. Also war man von Seiten der Onomastik darauf angewiesen, dass Bachelor-Absolventen im Fach Germanistik sich für die Namenforschung entscheiden würden. Das wäre vielleicht noch, wenn auch in geringem Maße geschehen, wenn nicht die Fakultät die vakante Professorenstelle für anderthalb Jahre an die Germanistik abgegeben hätte. Nun stand die Onomastik ohne Professor und Studierende da.

Was folgte, war abzusehen. Die Neuausschreibung wurde „umgewidmet“, man suchte zwar noch einen Kandidaten für „Historische Sprachwissenschaft (mit Berücksichtigung der Onomastik)“. Es folgte aber ein Zusatz, der es in sich hatte: „Erwünscht ist … eine Mitarbeit am profilbildenden Forschungsbereich ,Gehirn, Kognition und Sprache‘.“ Wie sich schon bald herausstellte, war in Absprachen zwischen dem Rektorat und dem Dekan der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig genau dieser Passus das entscheidende Kriterium. Heftige Proteste nützten nichts: Auf Platz 1 der neuen Berufungsliste steht ein Professor für Kognitive Linguistik. Beiträge zur Namenforschung hat dieser nie verfasst. Der Master-Studiengang „Namenkunde/Onomastik“ wurde ausgesetzt, das Ende des Faches war und ist absehbar.

Proteste bei der zuständigen sächsischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst sowie in der Öffentlichkeit stoßen sich vor allem an offensichtlichen Verfahrensverstößen, die darauf abzielten, eine Professur letztlich anders zu besetzen als sie ausgeschrieben wurde. Vier zum Teil skandalöse Verstöße gegen die Regeln eines vorschriftsgemäßen und fairen Berufungsverfahrens werden von den Kritikern insgesamt moniert.

Wird es gelingen, die Leipziger Namenforschung, ein in ihrer Zusammensetzung weltweit einmaliges Fach, zu retten? Eines steht fest: Ohne sie wäre die deutsche Onomastik insgesamt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Elementare Fragen der Geschichte Europas blieben unbeantwortbar.

Jürgen Udolph war von 2000 bis 2008 Professor für Onomastik in Leipzig. Der 1943 geborene Sprachwissenschaftler ist der Autor des Bestsellers „Professor Udolphs Buch der Namen“.
 

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 25 / 26.06.20110


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